Wolfgang M. Nossen, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen (rechts)
Jüdische Gemeinde in Erfurt
Schon im 11. Jahrhundert waren in Erfurt Juden ansässig. Seit dieser Zeit spielte die jüdische Gemeinde eine wichtige Rolle für die Stadtentwicklung. Zeiten wirtschaftlicher und kultureller Blüte wechselten sich hier wie anderswo mit grausamen Verfolgungen ab, mehrfach wurden die Juden aus Erfurt vertrieben.
So unterteilt sich die Geschichte der Erfurter Juden in drei Phasen: Das Mittelalter vom ausgehenden 11. Jahrhundert bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, das 19. und 20. Jahrhundert bis 1945 sowie die Zeit vom 8. Mai 1945 bis heute.
Die jüdische Gemeinde in Erfurt seit dem 19. Jahrhundert
Vorsitzende des Vorstands der Erfurter Gemeinde
1853 – 1869 Wilhelm Moos
1869 – 1875 Isaak Lamm
1875 – 1881 Dr. Moritz Wahl
1881 – 1887 Isaak Lamm
1887 – 1893 Hermann Windesheim
1893 – 1905 Isaak Lamm
1905 – 1911 Heinrich Ullmann
1912 – 1918 Max Windesheim
1919 – 1925 Willi Weinstein
1926 – 1939 Siegfried Pinthus *)
1945 – 1961 Max Cars
1961 – 1985 Herbert Ringer
1985 – 1994 Raphael Scharf-Katz
seit 1995 Wolfgang M. Nossen
Rabbiner der jüdischen Gemeinde Erfurts
1859 – 1862 Dr. Isaak Heilbronn
1862 – 1879 Dr. Adolf Jaraczewsky
1879 – 1882 Dr. Ezechiel Jecheskel Caro
1883 – 1885 Dr. Theodor Kroner
1886 – 1923 Dr. Moritz Salzberger
1924 – 1936 Dr. Max Schüftan
1937 – 1939 Dr. Peter Freund *)
Kantoren der jüdischen Gemeinde in Erfurt
1822 – 1844 Isaak Wolf Baron
1844 – 1853 Herrmann Dettelbach
1853 – 1872 Josef Julius Glück
1873 – 1909 Joseph Rothschild
1909 – 1911 Benno Spott
1911 – 1913 Fritz Lichtenstein
1914 – 1925 David Ziegler
1926 – 1927 Paul Mayer
1928 – 1942 Hermann Georg Schacher *)
*) Am 4. Juni 1939 gingen alle jüdischen Gemeinden zwangsweise in der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" auf. In der RV-Außenstelle in Erfurt waren Rechtsanwalt Felix Meyer und Kantor H. G. Schacher tätig. Das Gemeindebüro wurde 1942 aufgelöst, es befand sich nach dem November-Pogrom 1938 in der Wohnung von Dina Schüftan. Herr F. Meyer wurde am 19.09.1942 deportiert, Herr H. G. Schacher und Frau D. Schüftan am 02.03.1943.
[Quellen: Olaf Zucht: Die Geschichte der Juden in Erfurt von der Wiedereinbürgerung 1810 bis zum Ende des Kaiserreiches, Erfurt 2001; Wolfgang M. Nossen: Der Neubeginn der "Synagogengemeinde Erfurts"..., in: Stadt u. Geschichte 2008, Sonderheft 8]
Personen des 19. Jahrhunderts
Neubeginn und Etablierung
David Salomon Unger (1754 - 1825) und
Prof. Dr. Ephraim Salomon Unger (1789 – 1870)
Einer der ersten Juden, der sich nach etwa 350 Jahren wieder in Erfurt niederlassen durfte, war David Salomon Unger (1754-1825). Schon 1806 war er zusammen mit seiner Familie von Coswig nach Erfurt übergesiedelt und betrieb hier ein Antiquitäten- und Juwelengeschäft. 1807 ersuchte er erstmals um den Erhalt der Bürgerrechte, was zunächst abgelehnt wurde. Erst ein erneuter Antrag hatte Erfolg: Am 10. August 1810 erhielt David Salomon Unger als erster Jude seit 1458 in Erfurt das städtische Bürgerrecht.
Der Sohn Ephraim Salomon Unger studierte seit 1807 Mathematik und promovierte bereits 1810. Bis zur Auflösung der Erfurter Universität lehrte er hier und arbeitete anschließend als Lehrer. 1820 gründete er zusammen mit seinem Bruder eine eigene Schule, die 1844 von der Stadt übernommen wurde und aus der später das Königliche Erfurter Realgymnasium hervorging. Wegen seines jüdischen Glaubens durfte er dann jedoch die von ihm gegründete Schule nicht leiten.
1849 wurde Ephraim Salomon Unger durch Friedrich Wilhelm IV. zum Professor ernannt. Neben seiner Lehrtätigkeit und nach seiner Pensionierung übte er viele öffentliche Funktionen aus, unter anderem war er Stadtverordneter. 1860 wurde er Ehrenbürger der Stadt Erfurt.
Integration und Assimilierung
Ernst Benary (1819 – 1893)
Levy Benary, ein Bankier aus Hessen, erlangte 1824 – wie eine Anzahl weiterer Juden – das städtische Bürgerrecht nur gegen großen Widerstand der Erfurter Bürgerschaft und des Magistrats.
Sein Sohn Ernst wuchs in Erfurt auf und eröffnete hier 1843 eine kleine Kunstgärtnerei, aus der sich der größte Blumen- und Samengroßhandel im Deutschen Reich entwickelte. Nicht nur als Stadtverordneter, sondern auch privat engagierte sich Ernst Benary für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt und deren Verschönerung. So vermachte er der Stadt ein Grundstück, das den Erfurtern zur Erholung dienen sollte. Für seine Verdienste wurde er 1889 zum Königlich Preußischen Geheimen Kommerzienrat ernannt.
Die Familie entfernte sich im Laufe der Zeit immer weiter vom Judentum. Die Söhne Friedrich und John traten 1878 bzw. 1879 zum Protestantismus über und heirateten ins Erfurter Großbürgertum ein. Der Wunsch von Ernst Benary, sich nach seinem Tod verbrennen zu lassen, führte zum endgültigen Eklat mit der Gemeinde.
Kulturelle Blüte und antisemitische Anfeindungen
Alfred Hess (1879 – 1931)
Nach seiner Rückkehr aus dem ersten Weltkrieg 1918 begann sich der einflussreiche Schuhfabrikant Alfred Hess für moderne Kunst zu interessieren. Er wurde zu einem der ersten und bedeutendsten Sammler des deutschen Expressionismus. Die Villa der Familie war Treffpunkt namhafter expressionistischer Künstler, hier waren beispielsweise die Maler Lyonel Feininger, Otto Dix, Erich Heckel, Paul Klee und Franz Marc zu Gast, aber auch die Dichterin Else Lasker-Schüler, der Schriftsteller Walter Hasenclever oder der Komponist Paul Hindemith.
Beeinflusst durch seine Kriegserlebnisse engagierte sich Alfred Hess auch politisch. Er wurde Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, für die er in der Erfurter Stadtverordnetenversammlung saß. Im Stadtrat leitete er die Museumskommission. Trotz seiner Integration ins städtische Leben wurde Alfred Hess zunehmend Opfer antisemitischer Angriffe; die Gründe dafür sind sowohl in seinem politischen Engagement wie in seiner Nähe zum Expressionismus zu suchen. Die Machtübertragung an die NSDAP erlebte Alfred Hess nicht mehr. Seine Ehefrau Thekla emigrierte 1939 nach England. Die bedeutende Kunstsammlung war bis 1936 in der Schweiz in Sicherheit, dann musste sie in Einzelteilen verkauft werden.
Personen des 20. Jahrhunderts
Vom Antisemitismus zum Naziterror
Waldemar Schapiro (1893 – 1933)
Das erste jüdische Opfer des Naziterrors in Erfurt war Waldemar (Chaim Wulf) Schapiro. Er studierte 1912 in Heidelberg und wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges als russischer Staatsbürger in Deutschland interniert. Seit August 1914 in Erfurt gemeldet, war er als Kaufmann für Büromaschinen und Bürobedarf tätig.
Waldemar Schapiro stand in Verbindung zur KPD; war aber kein Mitglied. Mit seiner Hilfe erschien Anfang 1933 illegal die "Thüringer Volkszeitung". Im April 1933 wurde er verhaftet, dann im provisorischen "Schutzhaftlager" Feldstraße 18 und im Polizeigefängnis auf dem Petersberg gefoltert und schließlich am 15. Juli von SA-Männern abgeholt, brutal zusammengeschlagen und durch Kopfschuss ermordet.
1932 lebten in Erfurt 1.290 Einwohner und Einwohnerinnen jüdischen Glaubens. Nach der Übertragung der Macht an die deutschen Faschisten ergab die Volkszählung im Juni 1933 noch 831.
Nicht nur die Mitglieder der Erfurter Synagogengemeinde sondern alle als Juden geltenden Menschen wurden von Staats wegen ausgegrenzt, verfolgt und zur Flucht getrieben. Wer als Jude galt, war der Vernichtung preisgegeben.
Auslöschung der Synagogengemeinde
Blondina Schüftan (1887 – 1943)
Blondina Schüftan, genannt Dina, kam 1923 mit ihrer Familie aus Görlitz nach Erfurt. Ihr Ehemann Dr. phil. Max Schüftan war Rabbiner der Erfurter Synagogengemeinde, er verstarb 1936. Schon während der Amtszeit ihres Mannes hatte sie sich um das jüdische Leben in Erfurt verdient gemacht. Sie wirkte als Fürsorgerin, betätigte sich ehrenamtlich und war am Aufbau der jüdischen Wohlfahrtspflege im Gebiet Sachsen-Thüringen beteiligt. Nach dem Novemberpogrom 1938 fand das Gemeindeleben in der Wohnung von Dina Schüftan statt. Die Gemeinde würdigte im Januar 1939 ihre Verdienste mit den Worten: "Zahllos sind die Personen, die dank ihrer Arbeit vor der Verzweiflung bewahrt wurden. Zahllos diejenigen, die einzig und allein durch ihre Arbeit […] zur Auswanderung gebracht wurden. Zahllos sind diejenigen, denen ihr Rat und ihre stets vorhandene Hilfsbereitschaft die Rettung bedeuteten." Den eigenen Sohn begleitete sie 1939 nach Palästina, wohin bereits ihre Mutter und beide Schwestern emigriert waren. Sie kehrte nach Erfurt zurück. Anfang 1943 musste Dina Schüftan in ein Ghettohaus ziehen, am 2.3.1943 folgte ihre Deportation in das "Generalgouvernement" und weiter in das Vernichtungslager Auschwitz. Sie gilt als verschollen.
Neugründung der Synagogengemeinde – Zeit der Hoffnung
Max Cars (1894 – 1961)
Der Kaufmann Max Cars ließ sich 1918/19 in Erfurt nieder. In der Pogromnacht zum 10. November 1938 wurde er verhaftet, er erlitt den Naziterror in der Turnhalle der Humboldtschule und die unmenschliche Behandlung im KZ Buchenwald. Nachdem die Synagogengemeinde ausgelöscht und die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland aufgelöst war, kümmerte er sich um die in Erfurt verbliebenen Gemeindemitglieder. Seine Ehefrau unterstütze ihn dabei und erledigte Wege, die Juden verboten waren.
Ende Januar 1945 erhielten 18 als Juden erfasste Einwohner und Einwohnerinnen die Aufforderung zur Deportation, darunter Max Cars und seine beiden Töchter. Ihr Transport traf am 2. Februar 1945 im KZ Theresienstadt ein.
Im Juni 1945 war die Rückkehr nach Erfurt möglich. Max Cars setzte sich sogleich für die Wiederbelebung der Synagogengemeinde ein. Als Mitinitiator des Synagogen-Neubaus nahm er am 9. August 1951 die feierliche Grundsteinlegung vor. Aus gesundheitlichen Gründen trat Max Cars 1961 als Vorsitzender der Gemeinde zurück. Er starb am 18.12.1961.
[Quelle: Dauer-Ausstellung in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge]
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Jüdische Landesgemeinde Thüringen
Juri-Gagarin-Ring 16, 99084 Erfurt
Tel. 0361 5624964, Fax: 0361 5668690
E-Mail: jlgthuer@freenet.de
Vorsitzender: Wolfgang M. Nossen
Projektkoordination:
Lutz Balzer
www.viaschalom.home
page24.de
Radio Schalom
Radio Schalom bei Radio Funkwerk, FM 96,2 MHz (Erfurt) und 106,6 MHz (Weimar), 107,90 MHz (Kabel) weltweit als livestream auf http://www.tlm-funkwerk.de/
Jeden 1. Dienstag im Monat von 18:00 bis 19:00 Uhr.
In Zusammenarbeit mit Radio Funkwerk bringt Radio Schalom Berichte über jüdisches Leben in Deutschland, Diskussionen über Tradition und Religion, Juden in Israel und in der Diaspora sowie Musik aus Israel und anderen Teilen der Welt.
Jüdisches Café
Die Jüdische Landesgemeinde lädt einmal im Monat zu Konzerten, Lesungen und Vorträgen ein.
Kunstworkshops und Tanzveranstaltungen regen zum Mitmachen an und im Gespräch mit den
Gemeindemitgliedern kann man viel über jüdische Kultur erfahren
Via Schalom, die jüdische Kulturinitiative in Thüringen
Seit 2000 gibt es Via Schalom, die Jüdische Kulturinitiative in Thüringen. Via Schalom bedeutet "Weg des Friedens". Der Weg soll über eine Reihe von Kulturveranstaltungen (Jüdisches Café) und ein Radioprogramm (Radio Schalom) zu einem besseren Verständnis zwischen Juden und Nichtjuden führen. Das jüdische Leben in Deutschland wird zunehmend durch Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion geprägt. Für die jüdische Kultur bedeutet dieses neue Chancen, neue Einflüsse, neue Impulse. Zugleich ist es eine große Herausforderung, die neuen Bürger zu integrieren. Via Schalom will diesen Prozess in Thüringen erleichtern und dem interkulturellen Dialog dienen. Das Misrach-Quartett unterstützt Via Schalom mit seinen Musik- und Tanzauftritten.